Blog: Resilienz und Belastbarkeit – eine kritische, auch mal satirisch-polemische Betrachtung eines sehr ernsthaften Themas

Liebe Leserinnen und Leser,

zunächst: Dieser Impuls soll die Notwendigkeit von Belastbarkeit in beruflichen wie im privaten Zusammenhängen weder verleugnen noch unterbewerten. Natürlich benötigen wir alle ein ordentliches Maß an psychischer und körperlicher Kraft, um unseren Pflichten so gut wie möglich nachzukommen, und dabei unsere Wege halbwegs authentisch zu gehen. Dass man daran arbeiten kann, dazu später ein paar Worte.

Mein Beitrag befasst sich mit dem, Entschuldigung, halbgaren und durchaus verlogenen Resilienz-Hype, der derzeit durch die Business-News geistert. Denn: Was dabei an Fürsorglichkeit suggeriert wird, dreht sich bei näherem Hinsehen oftmals doch um die simple Frage, wie man seine Zitronen und Mandarinen auch dann noch weiter ausquetschen kann, wenn sie bereits saft- und kraftlos oder sogar halbwegs zerfleddert sind.

Total geschafft.

Resilienz. Auf diesen seriösen Begriff, der als Fachbegriff in verschiedenen Disziplinen seit Jahrzehnten benutzt wird, ist endlich die Arbeitswelt gestoßen, auf der Suche nach einer attraktiven Verharmlosungsformel des zumeist hausgemachten Wechselspiels aus immer mehr Druck und immer mehr Überlastung(sreaktionen). Und schon bieten alle möglichen Institute Kurse an: Entwickeln Sie mehr Resilienz!

Im Gegensatz z.B. zum Begriff Widerstandskraft, der davon zeugt, dass es eine Ursache gibt, der der Widerstandskräftige WIDERSTEHEN muss, suggeriert das Fremdwort RESILIENZ, dass der RESILIENTE allein verantwortlich sei für seine Befindlichkeit und deren (Selbst)Heilung. Was in der Konsequenz bedeutet: Wer nicht resilient genug ist, ist selber schuld, weil er ZUVIEL DRUCK nicht erträgt. Eine sehr einfältige Betrachtung der Sachlage.

Recherchiert man im Internet, findet man für Resilienz Definitionen wie z.B. Fähigkeit von Systemen, bei einem Teilausfall nicht vollständig zu versagen, oder Fähigkeit eines Materials, nach einer elastischen Verformung in den Ausgangszustand zurückzukehren, etc. Übersetzt auf den Menschen heißt das: Der NICHT-RESILIENTE berichtet dann z.B.: Ich bin kaputt, ausgebrannt. (psychisch, somatisch, sozial). Oder: Mein Rückgrat ist so verbogen, dass ich nur noch als wandelndes S herumlaufe. Oder: Ich erkenne mich selbst nicht mehr wieder. Etc.

Wie wär’s also damit, nicht stereotyp MEHR RESILIENZ zu fordern, sondern einfach mal den Druck nicht weiter zu erhöhen, der heute in vielen Bereichen für viele immer unerträglicher wird.  Wo bleibt bitte das Kursangebot für Führungskräfte: Wie ich Druck rausnehme?

Stattdessen steht eine ganze Resilienz-Stärkungs-Industrie mit allen möglichen sportlichen und spirituellen Heils-Ansätzen bereit. Die meisten dieser Angebote gehen natürlich wieder auf das bereits gebeutelte Ressourcenreservoir des Resilienzbedürftigen, und folglich muss er durch und wegen seine/r Resilienzstärkungsaktivitäten noch mehr Resilienz entwickeln.

(Achtung, es folgt eine kurze polemische Satire !)

Sollten Sie zufällig in die Resilienzstärkungsindustrie investiert haben, können Sie deren Umsätze wie folgt befeuern:

– Verlangen Sie von Ihren Mitarbeitern das Unmögliche. (Erledigen Sie das bis gestern!).

– Formulieren Sie Ziele, von denen Sie von vorne herein wissen, dass sie nicht erreichbar sind. (Wenn Sie das nicht auf die Reihe bringen, sind Sie nicht unser Mann / unsere Frau).

- Verleugnen Sie, dass nicht alle Menschen gleich leistungsfähig sind. (Die Schindknecht kann das auch!)

– Verbinden Sie als Vorgesetzter Anweisungen, Feedback und Lob mit einem Hinweis auf Ihre eigenen Gefühle (Wenn Sie das nicht bis gestern schaffen, bin ich persönlich beleidigt).

– Machen Sie Ihren Mitarbeiter für Ihre persönlichen Krankheiten verantwortlich. (Wegen Ihnen hab ich Rücken und zum Saufen angefangen).

- Verlangen Sie von Ihrem Mitarbeiter, dass er gegen seine tiefsten Überzeugungen handelt. (Wenn Ihnen das Schicksal unserer Humanressourcen zu nahe geht, sind Sie hier fehl am Platz.)

– Etc. Wenn Sie weitere satirische(?) Vorschläge haben, können Sie sie ja gerne in meinem Blog eintragen.

(Ende der Satire.)

Jetzt mal im Ernst, um den Bogen zum Anfang zu spannen: Natürlich sind wir alle für das Maß unserer Belastbarkeit mit verantwortlich. Wir haben es zu einem großen Teil selbst in der Hand, wie körperlich und psychisch gesund wir unser Leben gestalten, ob wir in ein soziales Umfeld eingebettet sind, das uns auch mal über eine Krise hinweg trägt, ob wir eine Arbeit wählen, in der uns unsere Authentizität und Selbstachtung halbwegs erhalten bleibt, etc. Alles Faktoren, die uns im beruflichen Stress unterstützen.

Aber das hat seine Grenzen. Wir müssen nicht, ich bitte den Vergleich zu entschuldigen, atombombensicher werden, keine einbruchssicheren Panzerschränke. Wir müssen auch verletzbar sein können und dürfen. Letzteres sollte übrigens auch im Interesse der Arbeitgeber liegen, denn, wer sich gegen äußeren Druck panzert, wird auch umso weniger von innen herauslassen, sich selbst weniger in die Waagschale werfen, weniger Motivation, weniger Identifikation, weniger Kreativität, weniger Energie geben – weil allein das Sich-Panzern zuviel davon abzieht. Er wird Dienst nach Vorschrift schieben, und sich notfalls ‘eine Krankheit nehmen’ – sofern er nicht tatsächlich am Überdruck erkrankt.

Belastbarkeit statt Zuverlässigkeit – mit den Einstellungen ändern sich Worte und Werte.

Haben Sie bemerkt, wie der Begriff Belastbarkeit drauf und dran ist, einen anderen Begriff heimlich und still schweigend zu kontaminieren, zu verdrängen, zu ersetzen: die Zuverlässigkeit. Ein Mitarbeiter, auf den man zählen konnte, war bis vor kurzem zuverlässig, und auch ein Argument, eine Information, von der man wusste, dass sie stimmte, war es – zuverlässig. Die Sprache der Überdruck-Gesellschaft hat daraus belastbar gemacht, als verdiene Belastbarkeit einen besonderen Orden. Belastbarkeit ist schick, in der Druckkammer. Die Zuverlässigkeit hingegen hat eine sekundäre Rolle eingenommen.

Manche mögen das für Wortklauberei halten. Ist es aber nicht! Wir wissen: Wir denken, was (und wie) wir sprechen -und wir sprechen, was (und wie) wir denken. Wenn wir also ‘belastbar’ sagen, meinen wir es auch so – und eben nicht ‘zuverlässig’

Mehr ‘gesunde’ Resilienz entwickeln, jawohl, das kann man coachen. Dafür gibt es eine Reihe handfester Methoden. Aber in der Regel sollte mit der Hinterfragung der Resilienz eines Mitarbeiters auch eine Hinterfragung der Prozesse, Systeme, Anforderungen, Führungs- und Kommunikations-Kultur und -Prinzipien, etc. einhergehen, die zu mehr Resilienzbedarf führen. Das ist aus meiner Erfahrung der einzige ehrliche und effektive Weg.

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Kuno Windisch

 



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